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10.06.2020

Offener Brief der Zirkusartist*innen


Durch die Krise wird vermehrt sichtbar, wie schlecht es der Kunst und Kultur geht. Eine Sparte, auf welche auch abseits der Krise immer wieder vergessen wird, ist der zeitgenössische Zirkus. Derzeitige Richtlinien und Unterstützungen kommen beim Zirkus nicht an. Statt aufzutreten macht sich die Szene nun daran kulturpolitisch aktiv zu werden. Am Freitag, den 12. Juni wird ein offener Brief an die Bundesregierung der Zirkusartist*innen im Rahmen der 2-Meter-Abstandsdemo für Kunst und Kultur verlesen.

 

Offener Brief an die Bundesregierung und an die Kultursstaatssekretärin der Zirkusartisti*innen Österreichs

 

Sehr verehrte Damen und Herren der österreichischen Bundesregierung,
liebe Frau Mag. Andrea Mayer - NEIN! - besser: liebe zukünftige Kulturminister*in!

Wir sind es, die fast Vergessenen. Die fast wieder neu Entdeckten. Die Nischenkünstler*innen unter den Kunstschafenden. Wir: die Zirkusartist*innen - die Überlebenskünstler*innen.

Vergessen Sie uns ruhig. Wir sind es gewöhnt, dass Sie uns nicht beachten. Normalerweise stört uns das auch nicht. Wir begeistern mit unserer Kunst Menschen jeden Alters und jeder Herkunft.
Da brauchen wir Ihre Beachtung nicht.

Wir, die Artistinnen und Artisten Österreichs, sind es gewöhnt, von Ihnen vergessen zu werden.

Wir sind aber da. Wir sind überall. Wir sind auf der Straße, in den Theatern, wir sind in den Kinos, in Zelten, im Internet, in der Zeitung; ja selbst in etablierten Häusern wie der Wiener Volksoper sind wir zu sehen. Wir sind vielseitig, schwer zu erfassen und unverzichtbar. Wir sind Teil der Kunst-, Kultur- und Unterhaltungslandschaft unseres Landes, und helfen dabei, eine jährliche wirtschaftliche Leistung von 5,7 Milliarden € zu schaffen.

Wir lieben unseren Beruf. Trotz finanzieller und politischer Randpositionierung und im vollen Bewusstsein und Akzeptanz dieser arbeiten wir hart. Selbstverständlich zahlen wir unsere Steuern und tragen durch unsere Tätigkeit dazu bei, das wirtschaftliche System aufrecht zu erhalten.

Unsere wirtschaftliche Leistung kann aber vergessen werden.
Kunst, Kultur und Unterhaltung lassen sich nicht in Zahlen und Eurozeichen messen. Kunst, Kultur und Unterhaltung sind Bildung, Aufklärung und emotionaler Ausgleich. Lachen ist gesund. Bitte vergessen Sie das nicht.

Nach ihrer Hochblüte in den 1920er Jahren ist die Zirkusartistik in Vergessenheit geraten. Wir sind aber eben immer noch da. Und eigentlich werden wir soeben neu entdeckt - waren gerade dabei, uns zu einer neuen Kunstform zu transformieren. Wir sind traditionsreiche Vergangenheit UND ideenreiche Zukunft. Wir sind hochspezialisierte Künstler*innen UND wir erbringen die Leistungen von Spitzensportler*innen. Wir sind Stars UND wir bespielen Nischen. Wir werden dann gerufen, wenn Leistungen erbracht werden sollen, die niemand anders erfüllen kann: wenn jemand durch die Luft fliegen, auf den Händen laufen, oder einen Tisch auf der Nase balancieren soll. Wir beschäftigen uns mit politischen und gesellschaftlichen Themen auf eine besondere Art – völlig unterschiedlich zu jeder anderen Kunstform. Wir sind es, die körperliche Höchstleistung und künstlerischen Ausdruck miteinander vereinen. Wir sind hoch trainiert, kreativ, anpassungsfähig, flexibel, ausdauernd, zäh und innovativ
– perfekte Überlebenskünstler*innen.

Vergessen Sie diese Details. Die brauchen Sie nicht zu interessieren. Das ist unser Job. Wir machen ihn gerne. Wir machen ihn gut.

Normalerweise stört es uns nicht, vergessen zu werden.

Jetzt aber brauchen wir Hilfe: Bitte denken Sie an uns.

Denken Sie daran, dass es an Ihnen ist, allen in diesem Land lebenden Menschen ein Überleben zu ermöglichen. Denken Sie daran, dass es Ihr Job ist, eine Situation zu schaffen, in der eine vielfältige, innovative und qualitativ hochwertige Kunst und Kultur in Österreich florieren kann. Vergessen Sie nicht: Österreich ist eine Kulturnation!

Bedenken Sie bitte: Veranstaltungen mit geringen Besucher*innenzahlen reichen oft nicht aus, um die Kosten dieser Veranstaltung zu decken - zum Beispiel, um den Mitwirkenden ein ausreichendes Gehalt auszuzahlen. Wenn das Angebot aufgrund fehlender Einnahmen gekürzt werden muss, sind die Künstler*innen in Randpositionen (die „eh schon Vergessenen“) die ersten, die nicht gebucht werden.

Da unsere Kunst kaum durch Förderungen unterstützt wird, sind wir auf Zuschauer*innen und deren Eintrittsgelder angewiesen. Da die Politik den öffentlichen Raum für Zirkusartistik schon vor Jahren durch unvereinbare Bestimmungen unattraktiv gemacht hat, ist es uns auch nicht möglich, außerhalb der geschlossenen Räume zu arbeiten.

Auch die bald wieder erlaubten, höheren Zuschauerzahlen helfen nicht. Bedenken Sie bitte: Eine komplexe Kulturveranstaltung bedarf Vorbereitungszeit - unter anderem Proben, Training und Planung, die bisher nicht möglich waren. Die neu dazu kommenden administrativen Aufgaben, wie z.B. die Erstellung und Durchführung eines Präventions- und Sicherheitskonzepts, bzw. die sich ständig ändernden Auflagen, lassen eine zusätzliche finanzielle Belastung und weiteren Zeitaufwand entstehen.

Eine Soforthilfe, die an einen KSVF-Anspruch gekoppelt ist, hilft vielen von uns nicht. Aufgrund der Randposition von Zirkus sind viele von uns nicht im Künstler*innensozialversicherungsfonds. Auch diese Artist*innen leisten einen wichtigen Beitrag zur Kulturlandschaft. Auch an diese Artist*innen sollten Sie denken.

Wir freuen uns, dass Sie an so viele Menschen gedacht haben.
Aber wir fühlen uns vergessen.

Wir fordern Sie dazu auf, Verantwortung zu übernehmen. Wir fordern Sie dazu auf, uns über die Durststrecke eines nahezu veranstaltungsfreien Frühlings und Sommers hinwegzuhelfen: Wir fordern unbürokratische Hilfe für alle Kulturschafenden.

Wir Zirkuskünstler*innen sind es gewöhnt, hart zu arbeiten und um unser Überleben zu kämpfen.

Vergessen Sie es also.
Vergessen Sie es, sich zu wünschen, dass wir leise sind. Vergessen Sie es, uns mit Almosen abzufertigen. Vergessen Sie es, wenn Sie glauben, dass wir uns mit einer staatlichen Interessenvertretung durch eine (zugegeben fähige) “Referentin”, die einem überlasteten „Sammel“-Ministerium untergeordnet ist, abspeisen lassen.

Wir fordern ein kompetent besetztes, eigenes Kulturministerium.
Wir fordern die Anerkennung des zeitgenössischen Zirkus als Kunstform.
Wir fordern unbürokratische, staatliche Unterstützung aller Kulturschafenden, besonders jener, die sonst vergessen werden. Wir fordern die Öffnung des öffentlichen Raumes für Kunst und Kultur – all das auch außerhalb von Krisenzeiten.

Wir fordern klare Arbeitsbedingungen, um unseren Beruf auszuüben. Wir haben innovative Ideen, wie sich Gesundheit und Kunstarbeit vereinen lassen. Daher fordern wir vor allem Kommunikation zwischen Ihnen und uns. Wir fordern, dass Sie uns zuhören und Bestimmungen auf Grundlage unserer praktischen Lebens- und Arbeitsumstände formulieren.

Ansonsten können Sie uns vergessen.Vergessen Sie Unterhaltung, Bildung, Aufklärung. Vergessen Sie das Schauspiel durch die Luft fliegender Menschen. Vergessen Sie tanzende Bälle und atemberaubende Balanceakte. Vergessen Sie das entspannte Gefühl nach einem deftigen Lachanfall. Vergessen Sie eine traditionsreiche Kunstform, die in Begriff ist, sich neu zu entdecken und den Kulturkosmos Österreichs zu bereichern. Vergessen Sie staunende Kinder und verzauberte Erwachsene, vergessen Sie ein paar Millionen Euro, vergessen Sie Ihre Abendunterhaltung und Ihren emotionalen Ausgleich.

Oder Sie folgen unserer letzten und wichtigsten Forderung:
Vergessen Sie uns nicht. Denken Sie an uns. Wir brauchen Ihre Hilfe.

Mit freundlichen Grüßen
die Zirkusartist*innen Österreichs

gezeichnet:

Ariane Oechsner MA | Ruth Schleicher | Circus KAOS | Tilmann Schleicher, Zirkusakademie Wien | Österreichischer BundesVerband für Zirkuspädagogik | Martha Laschkolnig (aka Martha Labil) | Ralph Öllinger | Mia Ferrera | Christoph Muchsel | Daniel Gajdusek-Schuster | Sebastian Berger | Christiane Hapt | Maja Franke | Irene Steindl | Nikita Pichler | Christine Teichmann | Compagnie fantastique | Verein Freifall | Verena Schneider | Marijan Raunikar | Aurelia Eidenberger | Tobias Diem | Zirkus Giovanni | Lisa Looping | Karin Theiss, Clownin | Arno Uhl | Evamaria Freinberger | Melanie Möhrl | Susanne Siebel | Zirkus,-Sport- und Kulturverein kaudawelsch | Eva Müllner | Nina Swoboda | Laszlo Pinter | Zirkuswerkstatt | Rudi Ratlos | Paul Sabitzer | Ruth Biller | Mag. Katharina Nelböck-Hochstetter | Michael Jollesch | Abraham Thill (El Diabolero) | Dr. Wißgott Norbert | Richard Kahlig "Frowin der Gaukler" | MO-X BEWEGUNGSIMPULSE | Zirkus NaNo | Christoph Heinzle | Herr Glück, bzw. Felix Kislich | Birgit Peter | Sabine Maringer, MA Vorstand | IG Kultur Wien | Verein Circusschulen in Österreich (VCSÖ) - Obfrau Mag. Evelyn Daxner-Ehrgartner | Motorik- Tanz- Artistik 2014 (MOTA) – Obmann Mag. Wolfgang Neumayer

 

Video: Offener Brief der Zirkusartist*innen Österreichs 2020