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18.06.2020

Kultur retten! Von leeren Konten zu voller Solidarität


Foto eines Mikrofons in einem Veranstaltungsraum

Foto: Christopher Glanzl

In den letzten Wochen regte sich ungewohnt viel Protest in der Kulturszene. Als Interessengemeinschaft der freien Szene in Wien bestehen wir seit nun 30 Jahren und haben selten so viele Kulturarbeiter_innen in eigener und gleichzeitig gemeinsamer Sache auf den Straßen gesehen, wie während der aktuellen Krise, die durch COVID 19 ausgelöst wurde. Ein Zeichen dafür, wie ernst die Lage im Kulturbereich ist und wie viele Menschen betroffen sind. Zurecht äußern Künstler_innen, Veranstalter_innen, technisches Personal und Raumbetreibende ihren Unmut. Schließlich gehören sie zu jenen Sparten, die am härtesten von den Verordnungen getroffen und in vielen Fällen nicht durch Hilfsfonds aufgefangen wurden. Und sie alle haben eine besonders unsichere Zukunft vor sich. Besonders die Nachtkultur tappt bis heute sprichwörtlich im Dunkeln. Neben den vielen Vereinen oder EPUs sind es vor allem Räume, die am wenigsten direkte Hilfe erfahren. Umfrageergebnisse von Anfang April 2020 haben bereits belegt, dass die Miete und andere Fixkosten die größte Belastung für Kulturvereine darstellen, und bis heute hat kein Hilfsfonds des Bundes diese Kosten abgedeckt. Nicht umsonst haben unzählige Kulturräume in Wien ihr Schicksal selbst in die Hand genommen und Crowdfunding-Kampagnen ins Leben gerufen. Denn ein gesicherter Schutz vor Schließung oder Konkurs war in keinem Moment greifbar.

Zu diesem Zeitpunkt ist es uns ein Anliegen, die Alarmierung der protestierenden Kulturschaffenden aufzugreifen und zu verstärken. Es braucht einen Plan, um ein über lange Jahre gewachsenes Netz an Kunst und Kultur in dieser Stadt am Leben zu erhalten. Immer, aber vor allem jetzt. Die Szene begehrt nicht nur deshalb auf, weil sie sich nicht bewegen kann und sich vergessen fühlt. Sie begehrt auf, weil es keine Perspektive gibt, dort weiterzumachen, wo aufgehört werden musste. Es darf nicht mehr ungewiss sein, ob Kulturräume die nächsten Monate finanziell überstehen. Oder ob alle im Kulturbereich tätigen Personen mit jeder Initiative das Risiko eingehen, sich wieder zu verschulden und endgültig aufgeben zu müssen. Keine Kulturinitiative hat Interesse daran, die Gesundheit aller Beteiligten einer Veranstaltung aufs Spiel zu setzen. Jedoch erwarten wir, fair behandelt und nicht alleine dem eigenen Schicksal überlassen zu werden. Daher müssen, wenn die Räder still stehen, Verluste aufgefangen werden! Es müssen Rahmenbedingungen und Infrastrukturförderungen bereitgestellt werden, um Planungssicherheit und schwarze Zahlen zu ermöglichen! Ansonsten droht der Kulturszene das Prinzip „survival of the fittest/the richest/the privileged“. Dann überleben eben jene, die über das nötige Budget verfügen oder gute räumliche Voraussetzungen genießen können. Ohne direkte Rettung unter Einbeziehung aller szene- und branchenspezifischen Realitäten droht eine Ausdünnung der Kulturlandschaft Wiens. Es gilt zu retten, was womöglich bald nicht mehr zu retten ist.

Ohne Zweifel sind momentan viele Brände zu löschen. Und traurigerweise ist die freie Szene daran gewöhnt, sich selbst um Lösungen kümmern zu müssen oder keine Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. Punktuell wurde in Wien aber versucht, auf den Leidensdruck zu reagieren und auch direkt mit Kulturschaffenden und Interessenvertretungen in Austausch zu treten. Diese Praxis sollte sich über Krisenzeiten hinaus fortsetzen, um auch präventiv arbeiten zu können und kontinuierlich Überblick zu bewahren. Es ist zu begrüßen, dass auch die Stadt Wien erfinderisch auf der Suche nach Lösungen ist, um Kultur stattfinden zu lassen und lokalen Kulturschaffenden die Möglichkeit zu bieten, in abgesichertem Rahmen wieder tätig zu werden. So wie auch die Arbeitsstipendien als zusätzliche Hilfsangebote zu begrüßen sind, um einem Teil der Szene über die Krise hinwegzuhelfen. Trotzdem löst dies leider das angesprochene Problem der existenzbedrohten Kulturräume und der Kulturarbeiter_innen nicht, welche die Stadt normalerweise Tag und Nacht mit Kultur versorgen, aber nun zwischen Tätigkeitsdruck und finanziellen Sorgen drohen, zermürbt zu werden. Dabei gibt es statistische Grundlagen. Vorschläge aus der Szene und gesammeltes Know-How bei Interessenvertretungen, um möglichst effektiv und ressourcenschonend voranzukommen. Rechtssicherheit und finanzielle Hilfe können die genannten Akteur_innen aber nicht leisten, die Kultur ist stärker als zuvor von der Politik abhängig. Es braucht einen übergeordneten Plan auf Bundesebene und spezifische Unterstützungsangebote auf lokaler Ebene, um wirklich niemanden zu vergessen.


Für folgende Punkte braucht es schnelle Lösungen:

- Finanzielle Unterstützung: Härtefallfonds und Unterstützungsleistungen müssen an die Arbeitsrealität von Kulturschaffenden und Vereinen angepasst werden! Viele Kulturarbeiter_innen sind von Zuwendungen ausgeschlossen, aufgrund der permanent prekären Absicherung und den häufig nötigen Mehrfachbeschäftigungen (so trifft auch die Versicherung bei der SVS auf einen großen Teil der Kulturschaffenden nicht zu). Die Betroffenen warten nun seit Monaten auf finanzielle Mittel und die Angebote verschiedenster Interessengemeinschaften stehen bereit, um alle relevanten Informationen bei der Gestaltung von Hilfsfonds miteinfließen zu lassen! Siehe dazu z. B. die zentralen Eckpunkte des Kulturrats, den NPO-Fond betreffend: https://kulturrat.at/agenda/brennpunkte/20200529

- Räume: Kultur- und Veranstaltungsräume sind besonders von der Krise getroffen und benötigen eine gesonderte Lösungsstrategie um zu überleben! Wo immer es der Stadt möglich ist, wäre es angebracht, Mieten zu erlassen und im Notfall im Austausch mit Betreibenden und/oder Interessenvertretungen machbare Auswege aus der Existenzbedrohung zu finden. Wer keinen großen Außenbereich hat oder mit mehr Abstand, aber weniger Gästen auskommen muss, schlittert weiter ins Minus. Vor allem Räume der Nachtkultur sind durch die aktuellen Sperrzeiten extrem eingeschränkt und steuern mit jedem Schritt ins Ungewisse. Es braucht einen Fahrplan bzw. eine Stelle für bedrohte Räume und Bemühungen, um diese vor der Schließung zu bewahren.

 - Öffentlicher Raum: Kulturelle Aktivitäten betreffend wird der Öffentliche Raum in diesem Sommer eine besondere Rolle einnehmen. Dementsprechend muss Infrastruktur (etwa öffentliche Toiletten am Donaukanal) geschaffen werden, um die an sich positiv zu bewertende Nutzung des öffentlichen Raumes angenehm für alle zu gestalten. Die Bedingungen durch COVID-19-Maßnahmen haben außerdem gezeigt, dass konsumfreie Zonen im dicht bebauten Raum rar gesät sind. Umso wichtiger ist es, bestehende Freiräume zu erhalten und neue zuzulassen.

 - Diversität: Wiens Kulturlandschaft ist divers und besteht aus unzähligen Communitys. Viele von ihnen haben sich ihre eignen Nischen und Safer-Spaces geschaffen, die nun durch die erschwerten Bedingungen bedroht sind. Vor allem marginalisierte Gruppen oder Szenen abseits des Mainstreams sollten deshalb Beachtung finden, um nicht im allgemeinen Chaos unterzugehen. Wenn nicht nach deren genauen Bedürfnissen gefragt wird, sollten zumindest deren Hilferufe erhört werden, die auf der Straße oder in Form von öffentlichen Briefen zum Ausdruck kommen. Ohne direkte Hilfestellung sieht die Zukunft vieler experimenteller, emanzipatorischer und sozialer Kulturinitiativen hingegen düster aus.

 - Planungssicherheit: Ohne Pläne für die Zukunft schmieden zu können, sind Kulturschaffende dazu gezwungen, sich einer riskanten Auftragslage auszusetzen oder sich umzuorientieren. Beides stellt finanzielle Risiken und damit auch eine psychische Belastung dar. Dort wo es möglich ist, muss Planungssicherheit gegeben werden. Dies bedeutet, konkrete und umsetzbare Handlungsanleitungen und Fristen zu erhalten und gleichzeitig zu wissen, dass mögliche Veränderungen der Situation rund um COVID 19 keine Schließung oder Auflösung zur Folge haben werden. Mindestens bei öffentlich geförderten Projekten braucht es eine abgestimmte und faire Behandlung aller Fördernehmer_innen und transparente Kommunikation in Bezug auf die Realisierung eingereichter Projekte. Immer noch sind sich viele Kulturinitiativen unsicher, wie, wann und wo genau sie ihre geförderten Projekte umsetzen und finanzieren können.

Drei Monate sind eine lange Zeit, wenn die gesamte Periode von der Frage geprägt ist, ob jahrelange Arbeit den Bach runter geht oder nicht. Die Proteste verdeutlichen, dass weitere Wartezeit keine Option ist. Was die Zukunft betrifft, können wir nur ein weiteres Mal darauf hinweisen, dass Interessenvertretungen zur Verfügung stehen, um Kommunikationswege zu erleichtern und das Erarbeiten von Lösungen zu begleiten. Sie bieten die Möglichkeit, viele Stimmen einfließen zu lassen und praxisnahe Empfehlungen abzugeben. In den letzten Monaten hat dieser Austausch mit runden Tischen stellenweise stattgefunden und definitiv zur Erfassung der speziellen Problematiken im Kulturbereich beigetragen. Kontinuierlicher Kontakt zwischen IGs und der Stadt bevor Gesetze, Verordnungen, Richtlinien oder neue Konzepte beschlossen werden, sollte zur gängigen Praxis werden. Genauso wie der Ausdruck von Bedürfnissen und Forderungen der Kulturszene weiterhin sichtbar bleiben soll. Kulturschaffende versammeln sich auf der Straße oder online und treten als gemeinsame Sparte in Erscheinung, die sich ihres Wertes bewusst ist. Jedoch stehen sie selten auf der Prioritätenliste und befinden sich finanzpolitisch gesehen am Ende der Nahrungskette. Kultur und die freie Szene heutzutage ernst zu nehmen, heißt, die bedrohlichen Auswirkungen neoliberaler Politik in diesem Bereich zu erkennen und mit entsprechenden Rahmenbedingungen dagegen zu steuern. Für unseren Beitrag zur Verbesserung der Bedingungen sind wir jederzeit bereit, die Politik zu beraten und der Szene zuzuhören. Und es erscheint uns dringlich, dass ab dem jetzigen Zeitpunkt alle Schritte mit Einbeziehung jeglicher Expertise gesetzt werden, damit größtmögliche Schadensbegrenzung gewährleistet werden kann. Ansonsten droht ein Kulturschock der anderen Art, den Wien nicht verkraften könnte. Dies gilt es zu verhindern, koste es was es wolle.